Edith Dühl

E-Mail: edith@duehl.de

Ein Bild von Edith Dühl

Biografie:

Geboren 2.3. 1944 in Ostpreußen (Gr. Lensk, Kreis Neidenburg).
Verheiratet, zwei Söhne, Christian und Benjamin.
Erstes Studium Germanistik und Kunstgeschichte, (Kiel, Göttingen, Hamburg).
Kinderladenarbeit.
Zweites Studium Pädagogik, Didaktik (Hamburg).
Ein paar Jahre Assistentin (Deutschdidaktik), Uni Hamburg.
Ein paar Jahre Lehrerin (Deutsch, Kunst, Politik).
Seit ein paar Jahren freie Unterrichtstätigkeit (creative writing - Kurse, privater Deutschunterricht, Lehrerfortbildung).

Und, vor allem, Arbeit an eigenen Texten.

Bibliografie:

Hörproben:

Derzeitiges Projekt:


Leseprobe:

Haus von gestern und heute

41. Bitterschokolade

Keine Tür versperrt den Zugang zu dem Raum, ich kann einfach stehen bleiben und hineinsehen und sehe vor allem Grün und ein wenig Blau. Das ganze Zimmer ist mit Rasen ausgelegt, künstlichem offenbar, und entlang der Wände ist in großen Bottichen Schilf gepflanzt, dessen Blätter leise gegeneinander schaben und rascheln, irgendwo hinter dem Schilfbüschen scheinen Fenster geöffnet zu sein, ich spüre den Luftzug bis zu mir. Das Blau im Grün ist die Rückseite eines Liegestuhls. Eine Hand hängt oben über die Lehne hinaus, locker, entspannt. Es ist eine alte Hand.

Ich wage es, gehe um den Liegestuhl herum und stehe -- vor meiner Mutter. In einem knöchellangen blauen, bequemen Baumwollkleid liegt sie, die nackten Füße gekreuzt, und führt mit ihrer anderen Hand eine Zigarette zum Mund. Neben ihrem Stuhl befindet sich ein kleines Tischchen, ein Weinglas, hellrot gefüllt, steht darauf, daneben liegt eine Schachtel Zigaretten.

Meine Mutter ist gar nicht erstaunt über mein Kommen. So lange haben wir uns nicht gesehen, aber für sie scheinen Veränderungen keine Bedeutung zu haben, jedenfalls sagt sie nichts über meine Blässe, nichts über mein Haar. Wenn auch viel zu früh, so ist es doch weiß. Ich allerdings muss sie lange ansehen. Ihr kleiner runder Kopf ist immer noch von braunem Haar bedeckt, das nur an den Schläfen eine weiße Strähne aufweist. Immer noch ist es zum Knoten geschlungen, nicht mehr dem kräftigen, sondern einem kleinen, feinen Mauseknötchen, so tief im Nacken, dass er sie nicht daran hindert, den Kopf entspannt anzulehnen und genussvoll an der Zigarette zu saugen. Und das ist die allergrößte Überraschung: Meine Mutter, meine fromme, ehemals streng pietistische Mutter raucht!

Sie sieht meinen erstaunten Blick und nickt zum Tischchen hinüber. "Nimm dir auch eine!"

Also weiß sie, dass ich hin und wieder rauche. Meine Mutter und ich vereint rauchend, das ist eine zu irrwitzige Situation, als dass ich nicht zugreifen würde. Ungewohnt schwer, die Zigarettenschachtel, aber erst, als ich ein Stäbchen herausgefummelt habe, merke ich es: Schokoladenzigaretten!

"Bitterschokolade!", sagt meine Mutter und setzt sich im Liegestuhl auf, ihre Füße klappen automatisch mit dem Sitz herunter. "Schmecken besser und sind gesund."

Ich sitze da und halte die in dünnes, weißes Papier gerollte Schokolade in der Hand.

"Früher mochtest du die!"

Meine Mutter hat recht, früher mochte ich die. Da nahm ich eine in die Hand und übte rauchen, pulte von Zeit zu Zeit etwas Papier von der Spitze, brach das dunkle Stückchen ab und steckte es mir in den Mund -- eine Zigarette muss ja auch alle werden.

"Oder willst du lieber einen Schluck von meinem Wein? Ich wusste nicht, dass du kommst. Ich hab kein Glas für dich. Und setz dich doch."

Während ich mich auf das Plastikgras neben ihre Füße setze, beugt sie sich zu ihrem Tischchen hinüber, umfasst das Glas und reicht es mir so, dass ich es am Stiel mühelos übernehmen kann.

"Rotwein?", frage ich. Der Wein ist so merkwürdig hell, aber nach Rosé sieht er auch nicht aus.

"Ein bisschen verdünnt", sagt sie, "halb und halb."

Ich probiere. O ja. Verdünnt und süß. Ich erinnere mich wieder! "Wie viele Löffel Zucker?", frage ich.

"Zwei, wie immer", sagt meine Mutter. Ich habe ihr damals beibringen wollen, den Zucker wenigstens aufzulösen und wenn schon, als Zuckerwasser in den Wein zu tun. Sie hatte ganz unbekümmert die Zuckerdose neben ihrem Glas stehen und rührte und rührte mit dem Teelöffel, bis die Masse sich aufgelöst hatte.

"Inzwischen nehme ich Zuckerwasser, dann muss ich nicht so viel Kram mitschleppen", sagt sie, führt wieder ihre Zigarette zum Mund und beginnt dann, das Papier an dem Mundstück abzulösen.

Ich setze das Glas ab und mache es ihr nach. Aber bei mir ist das Papier noch nicht aufgeweicht, es geht schwer.

"Erst musst du ordentlich rauchen", sagt meine Mutter und steckt sich ihr wohlverdientes Bisschen Bitterschokolade in den Mund.

Ich schaue sie an, dann sehe ich, wie es um ihre Mundwinkel zuckt und dann, ja dann fallen wir uns in die Arme und lachen, lachen, wie wir zu ihren Lebzeiten nicht ein einziges Mal zusammen gelacht haben.

"Jetzt weißt du, wie es im Himmel ist", sagt sie in mein Ohr.

Impressum:

Name:
Anschrift:
e-Mail:

Edith Dühl
Rutschbahn 6, 20146 Hamburg
edith@duehl.de

zur Dühl-Seite zur Dühl-Seite

zur Startseite des Servers zur Startseite des Servers

Impressum

Valid CSS! Valid XHTML 1.0!

TOP Zum Seitenanfang

zuletzt geändert: